Der rätselhafte Mr. Johnston

Ö1 Hörbilder, 22.08.2009

Soldat, Frauenliebling, Sonderling – ein Leben unter Dokumentationszwang

Markus und Matthias Widter machen im Jahr 2002 eine ungewöhnliche Erbschaft. Ein Onkel, den sie kaum gekannt haben, vermacht ihnen seine Schätze: rund 7.000 CDs, 90 Tagebücher, 300 Kilo Sachliteratur - und eine Unmenge an Briefen.

Die Brüder Markus und Matthias Widter standen in der Wohnung ihres verstorbenen Onkels und staunten nicht wenig: Hier stapelten sich Bücher, Tagebücher und CDs. Jeder Zentimeter der kleinen Wohnung war vollgestopft, sogar in der Mikrowelle, im Backrohr und im Kühlschrank fanden die Brüder CDs, viele noch originalverpackt. Jedes Regal, das weggeschoben wurde, brachte eine neue, dahinterstehende Regalreihe hervor. Es gab Kartons voll mit Zahnpasta-Tuben, mit Seifen oder Parfums. Hier hatte ein manischer Sammler und Musikkenner gelebt. 7.000 Schallplatten und CDs mit ausschließlich klassischer Musik, Tagebücher gespickt mit Briefen, Einkaufszetteln, Straßenbahnfahrkarten und Zeitungsausschnitten. Wer war dieser Mann?

Bob to Bob. Als Kinder hatten sie ihn bei Familientreffen gesehen, dann aber den Kontakt verloren. Robert Johnston war amerikanischer Besatzungssoldat und in vielen Kriegen im Einsatz. Er machte auch privat viele Reisen. Dutzende Postkarten in den Tagebüchern zeugen davon, Robert Johnston schrieb sich oft selbst und zeichnete mit “Bob to Bob”.

So schrullig der Onkel auf den ersten Blick wirken mag, so sehr war er doch auch ein Frauenschwarm. Verheiratet, geschieden, und dann immer auf der Suche. Das lässt sich aus den vielen Briefen an Frauen schließen. Fast jeden Tag schrieb er Briefe. “Beim Lesen der Briefe hat man immer ein schlechtes Gewissen”, sagt Markus Widter. “Eigentlich geht einen das gar nichts an. Aber dann überwiegt doch die Neugier.